Wenn nichts mehr geht, geh einfach weiter

Manchmal gibt es diese Tage, an denen einfach so viel falsch läuft, dass am Abend alles und jeder zusammenbricht. Der Babysohn ist so übervoll mit Eindrücken, dass das Einschlafstillen überhaupt nicht geht. Währenddessen schleckt der Wuschelhund aus Unausgelastetheit mein Bein und das Bett nass. Und die Wirbelwindtochter wird überwältigt von ihren Gefühlen und weiß nicht wohin mit ihrer Energie. Das sind die Momente, in denen ich merke wie mein Puls durch die Decke geht. Ich hasse diese Tage und ich hasse es, wenn meine große Geduld (manche würden mich da wohl wirklich als Schlaftablette bezeichnen 😜) sich gefährlich dem Ende zu neigt. Aber eines will ich nicht: platzen. Lautwerden. Motzen. Ungerecht sein. Denn sie alle können nichts dafür. Unsere Batterien sind einfach leer. Und sie sind noch so klein. Sie können ihre überquellenden Gefühle nicht runterschlucken. Und das sollen sie auch nicht, was für einen blöden und ungesunden Umgang mit Gefühlen würde ich ihnen denn da beibringen. Also brauchen wir zusammen einen Ausweg. Und das ist der Moment, an dem ich das nass geschleckte Bett betrachte und dem stechenden Blick meines Wuschelhundes zur Leine folge. Für ihr gibt es in diesem Moment nur eine Strategie: Gassi gehen.

Der Babysohn kommt ins Tuch, der Wuschelhund an die Leine und die Wirbelwindtochter bekommt ihr Kickboard in die Hand gedrückt und los geht’s. Die ersten Minuten sind gefüllt mit Schreien und Bellen und Toben und Trödeln. Die Wirbelwindtochter will unbedingt als Erste gehen aber bleibt stehen. Der Wuschelhund bellt aus Stress den nächstbesten Passanten an. Und der Babysohn quengelt und strampelt im Tuch. Wir müssen wahrscheinlich ein ziemlich miserables Bild abgeben, wie wir da so kreuz und quer und vor und zurück über den Gehweg stolpern. Aber in diesem Moment gibt es für uns alle nur eine Möglichkeit: weitergehen. Einfach immer weitergehen.

Irgendwann liegt der letzte Kampf um die Reihenfolge beim Gehen 500, 600, 1000 Meter hinter uns. Und wir entdecken plötzlich Feldhasen auf dem abgeernteten Feld. Wir bestimmen die Blumen am Wegrand. Der Hund schnüffelt und hängt seinen eigenen Gedanken nach. Und ich merke, wie mein Puls sinkt. Wir lachen zusammen und beobachten ein paar Männer, die auf dem Feldweg nebenan einen Schwertkampf einüben. Und der Babysohn legt seinen Kopf an meine Brust und döst lächelnd vor sich hin.

Und plötzlich liebe ich diesen Tag wieder. Und das Temperament der Wirbelwindtochter, die das Kickboard am Wegrand hingeschmissen hat und mit dem Hund lachend das Maisfeld erkundet. Und ich liebe meinen Babysohn, der sich – egal was ist – immer vertrauensvoll an mich kuschelt, sobald er das Tragetuch sieht. Und ich liebe meinen Wuschelhund, wenn er mit einem breiten Grinsen über das Feld auf mich zu läuft als würde er mir sagen: „Siehste, Gassi gehen hilft immer. Hätteste mal eher auf mich gehört.“

Wenn nichts mehr geht, dann gib nicht auf. Geh einfach weiter. Halte noch kurz durch. Ein paar hundert Meter und die Welt kann schon wieder ganz anders aussehen. Das weiß ich. Weil mein Hund es mir versprochen hat.

Herzlichst, Bianca