Weinen im Kindergarten? Nicht mit mir!

Diese Woche begann für die Wirbelwindtochter ihr zweites Kiga-Jahr. Und obwohl ich den Kindergarten sehr mag und sie sehr gerne hingeht, war es heute mehr als schwer. Es fällt ihr – und mir ehrlich gesagt auch – sehr schwer, die vielen weinenden Kinder zu sehen. Und fast noch schlimmer zu sehen sind die Eltern, die ihre weinenden und flehenden Kinder wegstoßen oder mit einem Blick strafen, der selbst mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und deshalb möchte ich hier unbedingt einmal ein paar der Standardargumente widerlegen. Erklären, wieso diese für mich keinen Sinn machen.

Das muss sie jetzt lernen. Später in Schule/im Job kann sie auch nicht einfach zu Hause bleiben.

Aber, wer weiß denn schon, was später ist. Vielleicht hat sie einen Unfall, wird krank, stirbt oder kann aus irgendeinem anderen Grund nicht arbeiten. Vielleicht wird sie auch später Aussteiger und gibt Surf- oder Tauchunterricht irgendwo an einem Strand in Hawaii. Vielleicht findet sie einen Job, der sie so sehr erfüllt, dass sie gerne hin geht. soll doch tatsächlich schon mal vorgekommen sein.

Du kannst sie doch nicht vor allem beschützen.

Nein, kann ich nicht. Aber es ist unser Job als Eltern, es zumindest zu versuchen.

Die tut doch nur so. Die spielt euch was vor.

Das glaube ich nicht. Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass kleine Kinder wirklich in der Lage sind, tiefe Trauer, Angst und Verzweiflung vorzutäuschen. Und selbst wenn, ich möchte, dass meine Tochter immer zu mir kommen kann wenn etwas ist. Deshalb wird sie nie hören „tu doch nicht so“, „das bildest du dir ein“, „so schlimm ist das doch nicht“. Für Kinder sind ihre Gefühle real. (Ganz nebenbei, für uns Erwachsene doch auch, oder?) Und wir haben kein Recht, ihnen ihre Gefühle auszureden. Ihnen einzureden, sie wären falsch. Oder gar ihnen einzubringen, unangenehme, gesellschaftlich nicht akzeptierte Gefühle zu gehören unterdrückt.
Ein ganz konkretes Beispiel: sollte der Horror-Fall eintreten, und irgendwer – Lehrer, Betreuer, Ärzte, wer auch immer – versucht, sich sexuell an ihr zu vergehen, dann möchte ich nicht, dass sie dem Täter glaubt wenn er sagt, „deinen Eltern brauchst du gar nicht erst was sagen, die glauben dir sowieso nicht“.

Außerdem, wer weiß, ob nicht irgendein Trampel in der Politik einen Krieg anzettelt, aus dem wir nicht unbeschadet davon kommen? Und wenn wieder einmal der Satz fällt, wir müssten die Kinder für die Zukunft vorbereiten, dann sollten wir uns zurück erinnern: das letzte Mal sollten die Kinder durch Haarer-Pädagogik und Hitlerjugend-Konzepte auch für eine gewisse Zukunft vorbereitet werden. Wir müssen Kinder nicht für die Zukunft vorbereiten, wir müssen zusammen mit unseren Kindern in die Zukunft gehen. Hand in Hand. Gemeinsam. Voller Vertrauen für einander. Seite an Seite. Natürlich kann ich die Welt für meine Tochter nicht verändern, aber vielleicht kann ich durch sie die Welt später ein bisschen besser machen. In dem ich einen Menschen in die Welt entlassen der empathisch, liebevoll, und voller Zuversicht in das Gute im Menschen ist. Der sich traut, Neues zu probieren. Kreative Wege zu finden. Denn das kann er nur, wenn er weiß, dass es Menschen gibt, die ihn bedingungslos lieben und ihn immer wieder auffangen werden. Denn das ist meiner Meinung nach der Job von uns Eltern.

Deshalb, drückt eure kleinen Kinder von mir und traut euch, ihnen beizustehen, für sie einzustehen und ihr Sprachrohr zu sein. Damit sie es später für sich selbst und für andere auch sein können.

Herzlichst, Bianca