Warum SEHEN schöner ist als LOBEN

Immer öfter hört man ja, dass loben beim Kind ähnlich schlecht sein soll, wie bestrafen. Zwei Seiten einer Medaille. Zuckerbrot und Peitsche. Und tatsächlich hat klassisches Lob „das hast du aber schön gemacht“ für Kinder (und Erwachsene übrigens auch) einen wertenden und damit faden Beigeschmack. Es kann sich nicht nur negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken, sondern wandelt die intrinsische Motivation (Motivation aus sich heraus, Motivation aus Spaß) mit der Zeit in eine extrinsische Motivation (etwas tun, um zu gefallen) um. Ich bin aber kein Wissenschaftler und gute und wissensbasierte Artikel dazu findet ihr z.B. schon beim Wunschkind. Ich möchte aber meine persönliche Erfahrung zu diesem Thema beisteuern.

Unsere 2 Beine-Geschichte: warum SEHEN schöner ist als LOBEN

Die Wibelwindtochter und der Papa sind im Esszimmer. Papa arbeitet am Laptop, die Tochter malt ganz versunken. Dann steht sie auf und zeigt Papa das Bild. Der KÖNNTE jetzt sagen „das hast du aber schön gemalt“. Bild wäre abgehakt, Thema erledigt. Wahrscheinlich wäre die Wirbelwindtochter wieder auf ihren Platz gerannt und hätte gleich das nächste Bild gemalt. Und das nächste. Und das nächste. Und die Bilder würden immer schneller hingekritzelt werden (kommt gerne bei Besuch vor bei uns*). Mein Mann aber sagte Folgendes „Toll, was hast du denn da gemalt?“. Und es entstand ein 5-minütiger Dialog über den Dino, den die Tochter gezeichnet hat. Wo er lebt, was er frisst… so viel Phantasie und so viele Ideen, die sie in dieses Bild gesteckt hat! Und so eine ehrliche Freude, dass sie all das mit ihrem Papa teilen konnte!

Und genau das macht für mich den Unterschied zwischen LOBEN und SEHEN. Es wird nicht bewertet, es wird nicht kategorisiert. Es wird sich einfach MITGEFREUT. Und das ist doch eigentlich genau das, was sich jeder wünscht. Echte Anteilnahme, echtes Gesehenwerden.

(* Was den Unterschied beim Kind ausmacht sehe ich ab und an, wenn wir Erwachsenen Besuch bekommen. Die Wirbelwindtochter freut sich natürlich auf Besuch und ist dementsprechend aufgeregt. Dann muss unbedingt was vorgeführt oder was vorgemalt werden. Und mit jedem abwiegelnden „oh, schön“ oder „toll gemacht“ (denn der Besuch wollte ja mit uns Eltern reden), dreht sie mehr auf und verlangt nur noch wehementer nach Aufmerksamkeit. Ein Teufelskreis, der oft zu einem blöden Gefühl bei allen Beteiligten führt. Hier sind kreative Lösungen gefragt, die ich aber auch noch nicht wirklich gefunden habe. Deshalb: wenn ihr Tipps habt, nur her damit!)

Das Thema SCHÖNMALEN ist sowieso ein sehr persönliches. Ich habe als Kind sehr (und auch nicht unbedingt schlecht) gemalt. Aber über die Jahre habe ich irgendwie die Freude daran verloren. Mittlerweile ist es meist so, dass ich nach wenigen Strichen anfange zu denken „ist das richtig so?“ und „ist das gut genug?“, so dass eigentlich jeder Versuch gleich wieder abgebrochen wird. Nur einmal im Studium hab ich wieder richtig Lust am Zeichnen bekommen. Als es darum ging Storyboards zu zeichen, die bewusst kritzelig und unvollkommen gestaltet sind, weil sie GESCHICHTEN transportieren und keinen Anspruch auf GROSSE KUNST haben. Und genau deshalb war ich so verliebt in diese Papa-Tochter-Szene: weil es sich nach purer und geteilter Freude angehört hat. Und deshalb weiß ich, dass wir nicht loben müssen, wenn unsere Kinder uns was zeigen. Wir müssen uns einfach nur MIT IHNEN FFEUEN! Sie wollen nicht BEWERTET werden, sondern GESEHEN werden.

Das Gleiche versuche ich übrigens auch bewusst schon beim Babysohn (der ja schon eher kein Babysohn mehr ist sondern viel mehr mein kleiner Entdeckersohn). Wenn ihm was gelingt – Walnüsse auf den Löffel zu bekommen zum Beispiel – dann freut er sich eh schon wie ein Schnitzel. Da kommt mir gar nicht in den Sinn, dass jetzt noch großartig zu bewerten. Da freue ich mich einfach mit ihm. Das fühlt sich nämlich viel authentischer an.

Herzlichst, eure Bianca