Die aktuelle Restaurantdiskussion – woher nur kommt all der Hass?

Diese Diskussion über kinderfreie Restaurants pisst mich an. Kann ich leider nicht anders sagen. Es nervt. Allerdings nervt mich nicht so sehr das Restaurant, dass Kinder am Abend verbieten will – es kann ja von seinem Hausrecht Gebrauch machen und schließlich gibt es auch Restaurants mit Kleiderordnung oder Raucher-Clubs. Und mit dem Wuschelhund sind wir in speziellen Hundehotels. Zielgruppenspezifisch ist doch toll! Für alle!

Was mir so richtig auf den Magen schlägt sind die Kommentare dazu in den digitalen Medien. Genauer gesagt die vor Hass triefenden Kommentare der Eltern, deren Kinder sich schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit „nie getraut hätten“ und die noch „anständig erzogen“ wurden.

Ganz ehrlich?
ICH GLAUBE EUCH NICHT. KEIN WORT.

Entweder ihr habt eure Kinder nie mit ins Restaurant genommen.

Oder ihr habt eure Kinder so mit Angst und Strafen dressiert, dass sie sich keinerlei Gefühlsausbrüche getraut haben. Aber dann hatte euer Umgang mit euren Kindern nicht wirklich was mit Anstand zu tun.

Denn wenn diese beiden Punkte nicht auf euch zutreffen, dann kann ich euch nicht glauben.
Denn jeder noch so gut geplante Restaurantbesuch ist mit Kindern nun mal ein Glücksspiel. Weil es KINDER SIND. Weil die Stimmung KIPPEN KANN. Weil Kinder noch stark von Gefühlen beherrscht werden, die EINFACH RAUS MÜSSEN.

Die bestellte Apfelsaftschorle ist mit Zitrone. Selbst wenn man eine neue bestellt – die Stimmung ist im Keller.

Das Essen dauert ewig und zuerst kommt der blöde Salat – die Stimmung sinkt weiter.

Man verbrennt sich beim ersten Bissen gehörig die Zunge – das tut scheiße weh und hört nicht beim nächsten Bissen auf!

Die Eltern haben zwar die geliebten Malsachen eingepackt, aber plötzlich ist es doch der falsche Block.

Das Essen der Geschwister sieht leckerer aus als das eigene, die wollen aber nicht teilen – so eine Ungerechtigkeit!

Wenn wir ehrlich sind, dann gibt es doch tausend Gründe, warum ein Restaurantbesuch schief gehen kann, warum die eigentlich entspannte und glückliche Stimmung kippen kann. Und selbst wenn die Stimmung nicht kippt, dann sind es immer noch Kinder. Deren Vorstellung und deren Wünsche beim Essen gehen sind eben nicht die gleichen, wie die von Erwachsenen. Sie können noch nicht ewig auf einem unbequemen Stuhl sitzen. Sie möchten das ganze Restaurant ansehen, weil es spannend ist und neu. Sie möchten auch am Tisch mitreden, auch wenn ihre Lautstärke noch nicht die erwachsene Tonart „angenehme Flüsterlautstärke“ besitzt. (Die, nebenbei gesagt, auch viele Erwachsene noch nicht so ganz beherrschen.) Und es landet eben auch mal was daneben. Ganz ehrlich, von flachen Tellern mit zu großen Löffeln oder Gabeln zu Essen ist halt einfach auch echt schwer.
Also, selbst wenn die Stimmung nicht kippt, sind es immer noch Kinder mit kindlichen Bedürfnissen und kindlichem Verhalten. Die lachen und erzählen, Fremden Hallo sagen wollen, erkunden wollen. Und ab und an geht mal etwas aus Versehen kaputt. Das sind keine Monster, die absichtlich die Erwachsenen stören wollen, das sind Kinder, die ebenso wie wir ein Recht darauf haben, in dieser Welt zu leben.
Und das dann den Eltern als Versagen anzuhängen und die Kinder allesamt als Blagen zu bezeichnen, dass trieft von einem Hass, den ich mir nicht erklären kann. Der auch ehrlich gesagt weh tut. Denn wir als Eltern geben unser Bestes, für unsere Kinder genauso wie für unser Umfeld. Keiner kommt doch auf die Idee „oh, das Baby ist quengelig und müde, lass uns ins Restaurant gehen und extra lange auf’s Essen warten!“.

Also, wo kommt dieser Hass her? Wieso hassen Eltern Kinder? Was läuft da schief? Sollten nicht gerade Eltern wissen, wie Kinder ticken? Dass ihnen möglicherweise andere Dinge durch den Kopf gehen, als die Geräuschempfindlichkeit der unbekannten Leute am Nebentisch?

Ich kann es mir eigentlich nur so erklären: dieser Hass, der einem da entgegen springt, der muss tief in den Leuten sitzen. Da müssen Verletzungen sein, die wir nicht sehen. Am eigenen inneren Kind, das Restaurantbesuche gehasst hat, vielleicht mit Liebesentzug oder Spielzeitentzug zum Stillsitzen gezwungen wurde. Am eigenen Eltern-Ich, das sich für die natürlichen Gefühle der eigenen Kinder schämte oder schämen musste und nicht das Wissen über kindliche Entwicklung hatte, das wir heute abrufen können. Oder vielleicht auch eine gewisse schmerzende Wehmut wenn man sieht, dass Eltern heute sich das Recht heraus nehmen, wirklich auf Augenhöhe mit ihren Kindern zu leben. Keine auch den Eltern schmerzenden Erziehungsmethoden anzuwenden und nicht immer mit Strafen ums Eck zu kommen sondern mit mit Möglichkeiten, für alle Seiten eine gute Lösung zu finden. Oder ist es die eigene Versagensangst in dieser Gesellschaft, dass man immer nur genug Menschen unter sich wissen muss, damit man sich selbst wertig fühlt?

Egal wo die Verletzung aber liegen mag, es ist nicht das Problem von mir. Es ist nicht das Problem von uns aktuellen Eltern. Lasst euren Hass dort, wo er hin gehört. Und versucht nicht, ihn einfach weiter zu reichen. Es nervt. Wirklich.

Erleichterte, weil endlich von der Seele geschriebene Grüße, eure

 Bianca